Eindeutig zweideutig

Erinnert sich noch jemand an die Fernsehsendung, in der das Publikum als Laienrichter über nachgespielte aber so tatsächlich anhängig gewesene Rechtsfälle per Knopfdruck urteilen und diskutieren durfte? Ein Studiogericht sprach dann das Urteil so, wie es sich im echten Verfahren ergeben hat. Bei „Wie würden Sie entscheiden?“ hätte dieses Schild

Wie jetzt?

für rege Diskussionen gesorgt. Durfte sich die 102jährige Frau Posemuckel auf seine Aussage verlassen und davon ausgehen, dass der verschneite Weg tatsächlich von der freundlichen Wohnungsgesellschaft geräumt wurde? Oder bleibt sie jetzt auf ihrem doppelten Oberschenkelhalsbruch sitzen?

Linke Bazillen hegten nun möglicherweise den Gedanken, sich im Winter dort einmal theatralisch auf die Nase zu legen, um wegen des nicht geräumten Weges ein hübsches Schmerzensgeld abzugreifen. Wie simuliert man nochmal eine Gehirnerschütterung?

Euch einen unfallfreien Tag wünscht
moggadodde

Tag X minus 7

Auf massiven Druck sowohl Angehöriger und Ärzte als auch des Knotens auf meinen Luftversorgungsschacht wird es mir in einer Woche endlich an den Kragen gehen. Schmetterlinge im Bauch sind in der Prosa geflügelte Begleiter. Die schmetterlingsförmige Drüse im Hals dagegen taugt, ganz besonders vergrößert, nicht zur leichten Unterhaltung.

Zur OP-Vorbereitung fand ich mich deshalb heute beim Dottore zu einigen Tests ein. Dass aufgrund meiner offenbar recht reichhaltigen Bodylotion die EKG-Stöpsel nicht auf der Haut haften wollten, fand ich noch witzig, ebenso die übliche, verzweifelte Suche der MTA nach einer ergiebigen Vene. Weil sich bei meinem Leibarzt die Toilette am einen und das Labor am anderen Ende der Praxis befindet, musste ich meinen Pinkelprobenbecher quer durch die engen Reihen anderer Patienten lavieren, peinlich darauf bedacht, nicht über ein ausgestrecktes Bein zu segeln. Gleichzeitig umklammerte ich den Becher mit beiden Händen: Ich finde, die Farbe meiner Körperflüssigkeiten geht niemanden etwas an.

Bei der anschließenden Stimmbandprüfung schob mir der Untersucher eine Stange in den Schlund, während er sich mit eisernem Griff wie ein Ertrinkender so lange an meine ohnehin nicht mit Länge gesegnete Zunge klammerte, bis ich endlich ein „iiiii“ herausknörte, das den miesepetrigen Dottore zufriedenzustellen schien. Ein wenig mehr Gestocher noch und mein Würgereiz hätte sich auf des Doktors Kittel Bahn gebrochen, soviel ist sicher.

Am Freitag stehen Aufklärungsgespräche mit Anästhesist und Chirurgen an, in deren Verlauf ich mit Risiken und Nebenwirkungen vertraut gemacht werde. Es gibt eigentlich nichts, das ich in Bezug auf diesen Eingriff noch nicht weiß.
Eine Unterschrift unter die Auflistung möglicher Komplikationen setzen zu müssen kommt mir allerdings so vor, als unterschriebe ich einen Kaufvertrag und verzichte dabei auf jegliches Reklamationsrecht, auch wenn die Ware nur unbrauchbarer Schrott ist: „Hier! Sie haben unterschrieben und wussten von dem Risiko, dass Sie den Rest Ihres Lebens krächzend wie der Rabe Abraxas bestreiten könnten!“ oder „Dass der Operateur vorher frisches Brot gegessen, deshalb einen Schluckauf bekommen und mit einem Schnitt ihre Stimmlippen zum Schweigen gebracht hat, konnte niemand voraussehen, aber Ihre Kinder werden dankbar sein, glauben Sie mir!“

Bis es also soweit ist, lenke ich mich ab mit nützlichen Gedanken wie der Überlegung, ob ich mir das Geld für einen Friseurbesuch vor der OP sparen sollte, dass ich aber, falls mich meine Leute bei nicht überlebtem Eingriff aufbahren lassen wollen, so wenigstens eine hübsche Leiche abgebe.
Galgenhumor ist für mich schon immer die beste Art Stressbewältigung gewesen.

Euch einen makabren Tag wünscht
moggadodde

Durchgefallen

In festen Abständen versammelt sich der Gemeinderat, um für den Ort wichtige Belange zu regeln. Es gilt, Staatszuschüsse für Dorferneuerungen abzugreifen, über die Einführung neuer Tempo-30-Ausbremszonen zu diskutieren oder über Anträge von Hausbesitzern zu beraten, die ihre Bude schreiend-schlumpfblau anstreichen wollen und dabei ungerührt massive Augenschäden der Anlieger in kauf nehmen.
All das sind ziemlich trockene Angelegenheiten. Deshalb setzen sich die Gemeinderatsmitglieder nach dem anstrengenden Teil ganz zwanglos zusammen und beraten über Tagesordnungspunkte, in denen sie abseits jeden strengen, gesetzlichen Korsetts endlich ihre Kreativität unter Beweis stellen können. Dabei geht es sicher auch gerne feuchtfröhlich zu.
Ziemlich stramm muss man allerdings in Höchberg gewesen sein, anders kann ich mir das anlässlich eines Spaziergangs entdeckte Schild

Eiserne Hose

nicht erklären. Am Unterhaltungswert einer simplen Pizzabestellung zweifle ich keinen Moment und auch nicht daran, dass der Pizzaboy beim Satz „Einmal Pizza Vongole in die Eiserne Hose, bitte!“ nicht an einen Telefonstreich denkt und entrüstet wieder auflegt.
Dieser Straßenname ist den Gemeinderäten hundertprozentig bei einem spritzigen Federweißenabend eingefallen. Daran, wie sie im Detail darauf gekommen sind, möchte ich aber eigentlich nicht näher denken.

Euch einen dichten Tag wünscht
moggadodde

Wahlqual

Die Wahl zwischen Pest und Cholera ist ja nicht einfach.
Pest bedeutet im vorliegenden Fall für Dixie, dass sie für die Dauer der ersten Praktikumsphase hier bereits um kurz nach 5 aus den Federn muss, damit sie um halb 9 vor Ort ist.
Cholera heißt die Alternative in der PC-technischen Diaspora, wo sie ohne jegliche Internetverbindung und auch ohne die segensreiche Erfindung der Flatrate und eigenem Fernseher ums Ãœberleben kämpfen muss. Dafür darf sie dort bis kurz vor 8 Uhr schlafen, weil sie in 5 Minuten zum Praktikumsplatz laufen kann und wird außerdem mit Zeuch bekocht, das sie aus Mutters Küche nur vom Hörensagen kennt plus frische Weggli zum Frühstück. Es spricht ja für sie, dass sie die für eine Jugendliche lebensfeindliche Umgebung bei ihrer Oma dem multimedialen Paradies des elterlichen Heims vorzieht, finde ich und dass Dixie vorhin gleich mit ihrem aktuellen Sweetheart bei ihrer bereits mit Kopfwuckerln verzierten und peinlich berührten Oma aufgekreuzt ist, belebt sicher auch deren Blutdruck und senkt den dortigen Lethargielevel. „Quid pro quo“, würde Herr Lector jetzt wohl sagen.

Dixies Praktikumsstelle ist übrigens ein Kindergarten mit angeschlossenem Schulhort. In den letzten Gesprächen die wir führten, versuchte ich klarzustellen, dass es eher kontraproduktiv sein dürfte, die dort zu betreuenden Kinder so zu behandeln, wie ihren eigenen, kleinen Bruder. Ansprachen wie „Raus hier, du Homofürst!“ oder „Schieb ab, du Flachzange!“ dürften in einem katholischen Kindergarten zu Irritationen führen und sind sicher tunlichst zu vermeiden. Andererseits ist es schon immer so gewesen, dass sie sich in der Fremde besser zu benehmen weiß, als in heimischen Gefilden. Insofern habe ich also keine Bedenken, dass sie die Herausforderung ganz annehmbar hinter sich bringen wird und verhehle aber nicht, dass ich ihr den aufreibenden Umgang mit Kindergarten- und Schulkindern auch ein bisschen gönne. Es ist immer gut, auch mal auf der anderen Seite des Zauns zu grasen, gell?

Nun steht mir also eine tochterfreie Probewoche bevor (mit Aussicht auf Haftverlängerung auf vier Wochen), die ich ordentlich zu genießen gedenke, obwohl sie in den letzten Tagen recht handzahm daherkam. Andererseits fehlt sie mir schon jetzt. Das hört sich paradox an? Ist es auch. Aber Mütter sind in dieser Beziehung sowieso eher gespaltene Persönlichkeiten.

Euch eine vollendete Nacht wünscht
moggadodde